F1-Ex-Fußball-Profi trainiert Waiblinger Handballerinnen

18. März 2016

Die Handballerinnen des VfL Waiblingen kämpfen in dieser Saison etwas überraschend um den Verbleib in der 3. Liga, und ein Ex-Fußball-Profi will seinen Teil zum Überleben beitragen. Seit Beginn des Jahres kümmert sich der Athletiktrainer Dirk Wüllbier um die Fitness der Spielerinnen. „Ich habe den Mädels gesagt, ich will ums Verrecken nicht absteigen“, sagt der 49-Jährige.

20160317_B_ZVW
Dirk Wüllbier (rechts) im Jahr 1998 im Trikot des damaligen Zweitligisten
Stuttgarter Kickers. Hier gegen Marcel Rath von Energie Cottbus. Foto: Baumann

Normalerweise ist Dirk Wüllbier auf Sportplätzen zu Hause, seit Januar indes geht der ehemalige Fußball-Profi und A-Lizenz-Inhaber fremd: Jeden Donnerstag von 20.15 bis 21.15 Uhr ist er in der Waiblinger Rundsporthalle anzutreffen. Seine Mission: Er soll die VfL-Handballerinnen fit machen für den Abstiegskampf. Der hat, wie es der Name schon sagt, mit Kampf zu tun. Und Kampf mit Arbeit. Deshalb hat Wüllbier kürzlich den Spielerinnen ins Gewissen geredet. „Ich hab’ ihnen gesagt, wenn ich in der 3. Liga spielen will, muss ich entsprechend trainieren.“

Für die aktuelle Athletikeinheit hat sich Wüllbier etwas Besonderes einfallen lassen: Der Hütchenparcour steht bei Handballerinnen sicherlich nicht an der Spitze der Beliebtheitsskala. Und wenn dann noch die Co-Trainerin Zofia Fialekova mit der Stoppuhr assistiert und die Sprintzeiten notiert, während Wüllbier mit antreibenden „Hopp-hopp-hopp“-Rufen den Rhythmus vorgibt und bisweilen den Laufstil der einen oder anderen Spielerin moniert . . .

Die Mienen der Frauen jedenfalls spiegeln nicht eben grenzenlose Begeisterung wider. „Ein Wettspiel auf Zeit sind die Mädels offensichtlich nicht gewohnt“, sagt Wüllbier während einer kleinen Verschnaufpause und zieht die Augenbrauen hoch. „Sie müssen den Ansporn haben, ihre Zeiten zu unterbieten und besser zu sein als die Mannschaftskolleginnen.“

Auch wenn nicht alle an diesem Abend den Eindruck hinterlassen, bis an ihre Grenzen zu gehen: Wüllbier fühlt sich wohl im Kreis der Handballerinnen. „Es macht unheimlich viel Spaß mit den Mädels – auch wenn der sportliche Erfolg noch nicht wirklich da ist.“ Jedenfalls nicht in dem Maße, wie es sich der ehrgeizige Athletik-Coach vorstellt. Immerhin scheint die Arbeit schon Früchte zu tragen: Zuletzt gab’s zwei Siege in Folge. Und keinen körperlichen Einbruch in der Schlussphase.

Ausgleichend Mädchen im Kreise der Jungs

Zu seinem neuen Job kam Dirk Wüllbier über seinen ehemaligen Mitspieler bei den Stuttgarter Kickers, Torsten Raspe. Der ist regelmäßiger Gast bei den Spielen in der Rundsporthalle. „Torsten hat mir gesagt, dass die Frauen einen Athletiktrainer suchen“, sagt Wüllbier. Er habe nicht lange überlegen müssen, auch wenn er eigentlich mit dem Handball nicht viel am Hut hat. „Ich fand das gleich eine sehr interessante Aufgabe.“

Völlig fremd indes ist ihm die Sportart nicht. In seiner Zeit bei den Stuttgarter Kickers habe er mit seinem Team mal aus Spaß gegen die Kickers-Handballer gespielt – und sei danach „ziemlich platt“ gewesen. „Deshalb ziehe ich den Hut vor den Handballern.“ Mit dem weiblichen Geschlecht habe er sowieso keine Probleme. „Ich bin von Haus aus mädchenaffin“, sagt er und grinst. Bei seinen Fußball-Camps freut er sich über jedes Mädchen. „Die bringen Ruhe rein in den Haufen, sie wirken ausgleichend unter all den Jungs.“

Ob Fußball oder Handball: Das Athletiktraining unterscheide sich nicht so sehr voneinander, sagt Wüllbier. Über die Jahre hinweg hat er sich ein reichhaltiges Repertoire an Übungen angeeignet. Der Zielgruppe entsprechend stellt er sein Trainingsprogramm zusammen.

Blau und Rot Von Degerloch nach Bad Cannstatt

Dirk Wüllbier hat viel erlebt und ist ziemlich weit herumgekommen in den vergangenen 35 Jahren: Er wurde im Sportinternat in der ehemaligen DDR ausgebildet, wurde Fußball-Profi in der höchsten DDR-Liga bei Chemie Halle und spielte zehn Jahre für die Stuttgarter Kickers in der 2. Bundesliga, Regionalliga und am Ende der Profi-Karriere in der zweiten Mannschaft der Blauen. Nach diversen Trainer- und Spielertrainerjobs war Wüllbier drei Jahre bei Günther Schäfer in der Fußballschule des VfB Stuttgart angestellt. Ebenso lange arbeitete er als Trainer, Co-Trainer und Nachwuchskoordinator in der Türkei.

„Das war eine ganz besondere Erfahrung für mich“, sagt Wüllbier. Die Arbeitsbedingungen seien aus diversen Gründen, die er nicht näher erläutern möchte, bisweilen „etwas speziell“ gewesen. Viel Spaß gemacht habe die Arbeit mit den Spielern. „Ich hatte einige Stars und Nationalspieler aus allen möglichen Ländern um mich herum.“ Überwältigt hat ihn die Fußball-Begeisterung in der Türkei. „Es ist schon geil, wenn du nach einem Sieg von 5000 Leuten am Flughafen empfangen wirst.“

Auf Dauer sei die Türkei jedoch nicht sein Ding, weshalb er wieder in die Heimat zurückgekehrt ist. Aktuell hilft „Wülle“ seinem ehemaligen Kickers-Mitspieler Alexander Malchow in dessen Fußballschule und bietet nebenbei Privatunterricht für talentierte Kicker an.

Als Spieler war Wüllbier als großer Kämpfer bekannt, der weder sich noch den Gegner schonte. Diese Charaktereigenschaft zeichnet ihn auch als Trainer aus. „Natürlich bin ich vom Sportsystem in der ehemaligen DDR geprägt“, sagt er. Wer talentiert war und ausgewählt wurde, der genoss in den Sportinternaten intensive Förderung. Bei bis zu vier Trainingseinheiten am Tag sei das Internat zwar nicht immer ein Zuckerschlecken gewesen. „Wir hatten jedoch die perfekten Rahmenbedingungen, lediglich an der sportlergerechten Ernährung fehlte es.“

Die DDR und ihr Sportsystem sind längst Geschichte, auch der Fußball hat sich weiterentwickelt, die Trainingsinhalte sind andere. Eines jedoch hat sich nicht geändert: Um ganz nach oben zu kommen, davon ist Wüllbier überzeugt, reichen Talent und Glück nicht aus. „Ohne Fleiß, Ehrgeiz, Beharrlichkeit, Enthusiasmus und Zielstrebigkeit wirst du es nicht schaffen“, sagt Wüllbier. „Diese Mentalität versuche ich den jungen Sportlern vorzuleben.“ Was nicht immer ganz so einfach sei. Schließlich müssten die Jugendlichen heutzutage vielen Versuchungen widerstehen, die das Leben so biete.

So sieht es Wüllbier auch als eine seiner Aufgaben an, die Jugendlichen ans Wesentliche zu erinnern. „Jeder glaubt, er kann Fußball spielen, wenn er mal den Ball in den Winkel gekloppt hat.“ Es gehöre aber weitaus mehr dazu. „Ich sag’ immer, macht die einfachen Dinge, bevor ihr anfangt zu zaubern.“ Es müsse immer und immer wieder an den Basics gearbeitet werden, das Passspiel über Jahre hinweg automatisiert werden. „Es gibt immer etwas zu verbessern“, so Wüllbiers Devise. „Wenn das nicht so wäre, könnten die Bayern ja nur spielen und müssten gar nicht mehr trainieren.“

Siegermentalität Schlechte Gefühle nach Niederlagen

Um voranzukommen, sei’s entscheidend, stets das Maximum anzustreben und einen guten Draht zu den Spielern zu haben. „Du musst ihre Sprache sprechen.“ Wenn es im Training nicht nach Wüllbiers Geschmack läuft, kann’s jedoch auch mal ein bisschen lauter und derber zugehen. Sätze wie „Könntest du das nächste Mal doch bitteschön den Ball flach zuspielen“ dürften jedenfalls eher selten über Wüllbiers Lippen kommen. „Es kommt schon vor, dass ich einen zusammenpfeife, es muss dann aber auch wieder schnell ein Spaß folgen.“

Dabei versucht Wüllbier erst gar nicht, seine Emotionen zu unterdrücken. Wenn er einen Fehler sehe, könne er nicht einfach darüber hinwegsehen. „Und wenn ich mich darüber einmal nicht mehr aufrege, dann bin ich verloren.“

Apropos verlieren: Das ist ganz und gar nicht die Sache von Dirk Wüllbier. Für ihn gibt es kein schöneres Gefühl, als zu gewinnen. „Wenn ich merke, dass die Spieler alles gegeben haben, und es am Ende nicht gereicht hat, können sie auch mal verlieren“, sagt er und grinst. „Aber wer mag schon das Gefühl nach einem verlorenen Spiel?“

Chemie Halle, Kickers, VfB, Türkei
Dirk Wüllbier wurde am 29. Juli 1966 in Aschersleben in der ehemaligen DDR geboren. In der Jugend spielte er bei Traktor Sandersleben und anschließend in der DDR-Oberliga bei Chemie Halle.
1992 kam der Mittelfeld- und Abwehrspieler gemeinsam mit Carsten Neitzel zum Bundesliga-Absteiger SV Stuttgarter Kickers. Bis 2001 trug „Wülle“ das Trikot der Blauen.
Von 2002 bis 2005 war der A-Lizenz-Inhaber Co-Trainer der U 19 bei den Stuttgarter Kickers und anschließend Spielertrainer, Co-Trainer und Trainer bei diversen Amateurteams im Raum Stuttgart.
Von 2009 bis 2011 war er bei der Fußballschule des VfB Stuttgart angestellt.
Von 2010 bis 2012 arbeitete Wüllbier in der türkischen Süper Lig – als Trainer, Co-Trainer und Nachwuchskoordinator.
Aktuell leitet Wüllbier in der Fußballschule seines Ex-Kickers-Kollegen Alexander Malchow Camps und bietet zudem für junge Fußballer Privatunterricht an.

Quelle: ZVW.de vom 17.03.2016

Liveticker Frauen 3. Bundesliga

Sponsoren